So, jetzt steh ich also wieder hier in Interlaken. Diesmal will ich wissen was geht.  Letztes Jahr war praktisch zum Warmlaufen. Ein bisschen müde bin ich. Der Italiener im Nebenzimmer in meinem Hotel in Brienz hatte um 0:30 Uhr angefangen zu telefonieren. In einer Lautstärke, dass das Telefon eigentlich überflüssig war. Zumindest bin ich davon aufgewacht. Nach 15 Minuten bin ich dann mal rüber und hab an die Tür geklopft. Kurze Pause, dann ging es weiter. Weitere 10 Minuten danach hab ich angefangen an die Wand zu trommeln bis ich drüben ein „Ciao“ hörte. Dann war auch wirklich Ruhe. Beim Frühstück hatte ich auch nicht wirklich viel runterbekommen. Eben hab ich dann David Karl getroffen, er ist auch guter Dinge vor seinem ersten echten Berglauf. Wir haben beide rote Startnummern, sogar 2. Eine vorne und eine hinten. David bekam sie aufgrund seiner tollen Leistung beim Mainz-Marathon, ich wegen meinem 34. Platz im letzten Jahr. Die sogenannte „Elite-Startnummer“. Ohne Gedränge darf ich so ganz nach vorne. Gestern hatte ich noch Ärger wegen ihr. Bei der Pastaparty wollte ich mir meine Nudeln holen, doch leider fehlte mir der Bon. „Der ist an der Startnummer zum Abreißen!“ Nur leider nicht an den Roten. Unsere Bons hat der Rennleiter, der sie persönlich übergeben soll. Leider ist der nicht zu erreichen. Ich hab aber Hunger. Die Damen vom OrgaTeam sind wirklich sehr hilfsbereit und freundlich (wie eigentlich alle Schweizer die kennen lernte). Aber die Nudeltöpfe sind gut bewacht, da ist nichts zu machen. Zum Glück kommt noch ein „Roter“, direkt von der Pressekonferenz. Dort hat man ihm gesagt mit der Elitenummer kann man so oft nachholen wie man will. Das klingt doch gut. Nach einem weiteren Telefonat darf ich endlich zuschlagen. Zurück zum Start. Die Sonne scheint bei noch sehr kühlen Temperaturen. Das hätte ich noch gestern nicht erwartet. Laut Wetterbericht hätten wir eigentlich mit Regen rechnen müssen.  Doch in der Nacht, kurz nachdem der Italiener das telefonieren einstellte, hatte auch der Regen aufgehört. Für die ersten 10 flachen Kilometer durch Interlaken, am Brienzersee Richtung Wilderswil habe ich mir einen 3:45er Schnitt vorgenommen, was mit einer 37:32 min auch exakt passt. So auf Platz 55 – 60 dürfte ich hier wohl liegen. Leider hat dann mein Forerunner durchgedreht und mir die Rundenzeiten durcheinandergeschmissen. Erst als ich das GPS abgeschaltet habe, so ab km 17 habe ich wieder zuverlässige Daten. In Wilderswill kommt jetzt auch der erste Anstieg. Bis nach Lauterbrunn zum Halbmarathon gehts mal ein bisschen hoch, ein bisschen runter. Ich lauf jetzt alle Kilometer deutlich über 4 Minuten, aber ich habe das Gefühl, schneller wäre nicht gut. Halbmarathon: 1:23:17 Std (letztes Jahr: 1:27:57), eigentlich wollte ich unter 1:20 bleiben. Hier habe ich dann schon deutliche Zweifel an meinem Ziel unter 3:30 Std zu bleiben. Im Moment liege ich auf Platz 37. Bis Kilometer 26 geht es zum Trümmelbach immer flach. Ich lege jetzt einen Zahn zu und mache einige Sekunden und Plätze gut. Wir sind eine kleine Gruppe und laufen gemeinsam „in die Wand“. Wer schon mal hier war, weiß was ich meine. Jetzt gehts los: 26 Serpentinen bis Wengen. Ab hier stehen die Kilometer-Schilder alle 250 m. Je nach Form, kann einem das aber auch mal wie 1000m vorkommen. An mir „fliegen“ die Schilder mehr oder wenigere vorbeit. Ich habe jetzt großen Spaß. 7:42min und 6:43min für die nächsten beiden Kilometer. Ich fühl mich richtig gut. An drei steilen Kehren macht es keinen Sinn, den Rest kann ich durchjoggen. Hier bin ich letztes Jahr schon viel gegangen. Von meiner Gruppe ist schon lange keiner mehr da, aber dafür fange ich jetzt an einzusammeln. Die erste Probe habe ich bestanden, es kommen immer mal wieder kurze Bergabstücke, ich kann mich schnell wieder erholen. Nach 2:06 Std bin ich in Wengen bei km 30. 800 Höhenmeter sind geschafft, der Blick zurück nach Lauterbrunn ist gigantisch. 1000hm hab ich noch vor mir, aber daran denke ich gerade nicht. Mit der 8.schnellsten Zeit für diesen Abschnitt hab ich mich auf Platz 21 vorgeschoben. Nach 32 Kilometern fange ich zu rechnen an: Noch 10 Kilometer und noch 70 Minuten Zeit. 7min/km, das ist doch zu schaffen, oder? Mettlenalp, Wengernalp dann ist die Baumgrenze erreicht. Ich überlege, wann ich mich nach 35 Kilometer das letzte mal so gut gefühlt habe? Die Gletscher und die Jungfrau zeigen sich von ihrer schönsten Seite, das Wetter könnte kaum besser sein. Bei Kilometer 37,9 liegt die nächste Zeitmessmatte (2:47:13).  7. schnellste Zeit für diesen Abschnitt, Platz 13 Gesamt. Das Ziel 3:29 Std ist abgehakt, ich weiß dass mehr geht. Aber der härteste Teil kommt jetzt: Die Moräne. Vor mir niemand, hinter mir niemand. Aber doch erstaunlich viele Zuschauer. Sie freuen sich das jemand mit einer relativ hohen Startnummer (52) kommt und feuern mich super an. Aber irgendwie versuchen alle „Hegmann“ englisch auszusprechen, was teilweise sehr lustig klingt. Meine Kraft hat mittlerweile doch ziemlich nachgelassen, was hier auf den rutschigen Steinen und den „Kletterpassagen“ etwas gefährlich sein kann. Auch die kurzen, steilen Bergabstücke machen mir Probleme. Ich bin ganz schön am stolpern und schwanken. Meine 2 langsamten Kilometer mit 9:29min und 8:52min. Trotz allem wieder die 7. Zeit auf diesem letzten Abschnitt. Einen Platz kann ich noch gutmachen.  Bei Kilometer 41 dann der berühmte Dudelsackbläser. Jetzt geht es bis ins Ziel praktisch nur bergab. Unglaublich, ich kann es nicht fassen schon hier zu sein. 3:15 Std? (Schnitt: 4:38min/km) Gibts doch gar nicht. Im Ziel steht David. Er ist nur 35 sec vor mir als schnellster Deutscher im Ziel gewesen, trotzdem haben wir uns das ganze Rennen nicht einmal gesehen. Wir haben die Top10 mit den Plätzen 11 und 12 nur knapp verpasst! Er ist die erste Hälfte 6 Minuten schneller gelaufen und ich habe dann Sekunde um Sekunde am Berg zurückgeholt. Glückwunsch an ihn, bei seinem Jungfrau-Debüt so eine Zeit, da kann man noch einiges erwarten. Gewonnen haben übrigens Jonathan Wyatt aus Neuseeland in der Zeit von 2:58:44 und Claudia Landolt aus Jonschwil in 3:34.24. Wir machen noch ein paar Fotos, dann fange ich an zu zittern und hole mir meine warmen Sachen. Nach Dusche und Massage gehts dann mit der Bahn nach unten. Lang aufgereiht kann ich jetzt die Läufer an der Moräne im Gänsemarsch marschieren sehen. Da bin ich wirklich froh, dass ich dort mein Runner’s High ganz für mich allein genießen konnte.

Vielen Dank Allen die die Daumen gedrückt haben und danke für die vielen Gratulationen! Die ersten SMS kamen, da war ich noch gar nicht richtig im Ziel 😉

Morgen gibts dann noch ein paar Bilder!

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