Eine neue Bestzeit war mir sicher, es war ja mein erster 50er. Aber ich wollte mir schon Mühe geben, eine Zeit abzuliefern die den Namen „Bestzeit“ auf verdienen würde. Über 25 Marathons hab ich schon gefinisht, aber meine Ultra-Erfahrungen waren bisher eher negativer Natur. Zwei mal in Biel nach 75 km gescheitert. Der 50er Rodgau stand aber schon länger auf meiner Liste und dieses Jahr passte er wegen des frühen Termins auch sehr gut rein. In den letzten beiden Wochen hatte ich noch auf Besserung des Wetters gehofft, zumindest dass die Wege frei sein würden. Aber nix da, es gab sogar noch mal ordentlich Schnee in der Nacht. Die Helfer vor Ort hatten ihr bestes gegeben, aber der Großteil der Strecke war trotzdem voller Schnee und Eis. Von den über 1100 vorangemeldeten Läufer/innen waren dann 654 hinter der Startlinie versammelt, unter ihnen genau einer mit kurzer Hose. Natürlich ich. Ich hatte mir lange überlegt was ich anziehen soll und mich dann für ein Windtoppershirt, Trikot, CEP Socken und eben eine halblangen Hose entschieden. Hat für mich auch super gepasst, nur in der letzten Runde bekam ich plötzlich kalte Finger.
Gleich nach dem Start bildete sich eine 4er Gruppe mit dem Sieger der letzten beiden Jahre Thomas Dehaut, dem Ukrainer Evgenii Glyva, dem Belgier Marc Papanikitas und mir. Ich hatte mir vorgenommen, egal was passiert auf keinen Fall schneller als 3:45min/km loszulaufen. Kilometer 1: 3:38min. Kilometer 2: 3:37min. Ich lies die anderen laufen und war schon alleine. Dehaut und Glyva setzten sich weiter ab, Papanikitas lief lange vor mir. Erste Runde: 18:36min. Nach gut 6 Kilometern legte er sich dann in einer Kurve auf die Nase, zum Glück nicht viel passiert, aber von da an kam ich wieder näher. Nach 8 Kilometer dann die erste Überrundung! Danach wurde es dann von Kilometer zu Kilometer voller auf der Strecke. Viele forderten schon ein Limit von 500 Läufern auf der Strecke aber wie in Laufreporttreffend geschrieben steht: „Dabei sind es teils Unachtsamkeit, teils Unfairness, die für eine so geringe Anzahl Teilnehmer plädieren lassen.“ Oder auch: „Das Hindernis beim Rodgauer Ultramarathon ist jedoch beweglich und es mangelt ihm an Einsicht.“ Auf glattem Untergrund Pulks von 4 Läufern nebeneinander, teils bei Gegenverkehr, auszuweichen und Slalom zu laufen ist nicht einfach und auch gefährlich. Aber diese Sportsfreunde sind in der Minderzahl. Meist wurde sofort Platz gemacht und sogar noch angefeuert. Vielen Dank dafür! Am Ende der 2. Runde in 18:31min sogar noch etwas schneller, hatten der Belgier und ich Dehaut schon wieder direkt vor uns. Kurz danach gingen wir vorbei und hatten sofort eine Lücke. Papanikitas und ich liefen auch noch die Runden 3 und 4 (18:29min und 18:38min) zusammen, dann lies er abreißen. So kämpfe ich mich alleine durchs Feld und konnte auf den nächsten 15 Kilometern den Abstand nach hinten auf knapp 2 Minuten ausbauen und mich wieder bis auf 45 Sekunden an den Führenden heranschleichen. Am Wendepunkt haben wir immer versucht uns gegenseitig möglichst locker anzugrinsen, was mir bis dahin auch ganz gut gelang. (Runde 5: 18:31min Halbzeit: 1:32:12 Std; Runde 6: 18:39min Runde 7: 19:01) Die Bedingungen wurden immer schlechter, der Untergrund teilweise blankes Eis. Selbst die leichte Steigung im Wald wurde zur Rutschpartie. Dafür waren die Zeiten immer noch super schnell. Aber es kostete halt unendlich Kraft. Als nach der 8. Runde (19:56min) bei Kilometer 40 der Abstand immer noch deutlich unter einer Minute lag wurde ich wahnsinnig angefeuert. Viele dachten ich könnte noch mal ran laufen. Ich merkte aber wie mir die Luft so langsam aus ging, und hoffte die letzten 10 Kilometer noch anständig über die Bühne zu bekommen. An der Marathonmarke stand die Uhr bei 2:39:20 Std. 10sec schneller als bei meinem Herbstmarathon in München. Die ersten 8 Runden vergingen wie im Flug, haben richtig Spaß gemacht, jetzt begann aber die Quälerei. Ich begann mir dann selbst gut zu zureden, rechnete ein bisschen, versuchte irgendwie die Zeit rum zu bekommen. 21:55min für Runde 9 sagen schon einiges. Abstand nach vorne plötzlich 3 Minuten, nach hinten beruhigende 4 Minuten. Am Verpflegungsstand nehm ich mir zum ersten Mal was zum Essen. Eine Handvoll Nüsse, zwei getrocknete Pflaumen und zwei Butterkekse, an denen ich fast ersticke. Einfach nur noch einmal 5 Kilometer, alles nur noch einmal sehen. Ich hoffte ich bin schon aus der Wendeschleife drausen, wenn die Verfolger reinkommen. Die sollen bloß nicht sehen wie scheiße ich aussehe. Ich hatte keine Lust auf den letzten 2 Kilometern noch vom Podest zu purzeln. Papanikitas ging es richtig schlecht. Teilweise hatte er 3 Minuten auf Dehaut, wurde von ihm aber noch abgefangen und fing sich bis ins Ziel noch mal 3 Minuten ein (seine letzte Runde in 26:21min). Ich konnte mich dann in 3:15:14 Std ins Ziel retten, nach einer harten Schlussrunde in 23:31 min. Noch härter waren nur die 1000m vom Ziel ins Auto und die 400m vom Auto zur Dusche 😉
Wer länger als 4 Stunden brauchte, bekam es dann noch mal richtig ab: Heftiger Schneefall! Da saß ich dann zum Glück schon mit 4 Stückchen Torte in der warmen Halle.
Am meisten graute es mir vorher vor den 10 Runden. Ich hab lieber ein bisschen Abwechslung. Aber es war besser als gedacht, die Zeit ging schnell rum, immer was los. Teilweise war ich wirklich überrascht, als ich schon wieder durch Start/Ziel gelaufen bin.
Auch mit dem Ergebnis bin ich mehr als glücklich, die Bedingungen waren wirklich alles andere als gut (Marathon4You schrieb: „Auch die 410 Finisher in diesem Jahr sind vermutlich Rekord. Ich glaube nämlich nicht, dass schon einmal mehr Läuferinnen und Läufer 50 km auf einer Eisbahn zurückgelegt haben)“, da sind schon noch ein paar Minuten drin. Vielleicht gibts ja im Herbst schon den nächsten Ultra für mich.
Die Ergebnisse
Bericht von Laufreport
Bericht von Laufticker.de
Die Strecke

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